Mehr als nur Worte

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Wie Schreiben junge Menschen verbindet und warum sprachliche Perfektion nicht alles ist

von Josephine Kanefend

Anfangs war es nur eine kleine Nachhilfe-Gruppe. Mittlerweile hat sich ein stadtweites Projekt entwickelt, das Jugendlichen Raum und Zeit zum Schreiben gibt. Unter dem Motto „Teilhabe durch Schreiben“, verbindet „Wortreich“ Kölner Jugendliche, die sich regelmäßig treffen, um gemeinsam Aktivitäten zu unternehmen, sich auszutauschen und Texte zu schreiben.

Sami (12) ist seit knapp einem Jahr bei der Schreibwerkstatt in Neubrück dabei. Er kommt aus Afghanistan und lebt seit zwei Jahren mit seiner Familie in Köln. Anfangs war er in einer Trommel-AG, doch da habe er immer Kopfschmerzen bekommen, „das war mir viel zu laut“, erzählt er. Also schlug ihm ein Lehrer vor, sich der Schreibwerkstatt anzuschließen. Obwohl er vorher nie geschrieben hatte, gefällt ihm die Gruppe. „In Afghanistan konnte ich nicht schreiben, da war immer Krieg und es war laut. Hier geht das“, erinnert sich Sami.

Wenn ich schreibe, fühle ich mich gut“

Am liebsten schreibt er über seine Familie, besonders über seinen kleinen Bruder. Kurze Anekdoten, Erinnerungen, Gefühle, auf Deutsch. Warum er schreibt? „Wenn ich schreibe, fühle ich mich gut“, antwortet Sami.

Viele der Jugendlichen haben ähnliche Erfahrungen wie er gemacht. Aber nicht alle Autor*innen sind geflüchtete Migrant*innen. „Es geht hier nicht nur um die Integration von Geflüchteten“, betont Christian Mader, der das Projekt leitet. Der Integrationsbegriff ist viel breiter zu verstehen. Es geht vor allem darum, Jugendliche – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrem Alter oder ihrer Sprache – in ihren Ideen zu unterstützen und ihnen durch die Aktivitäten der Schreibwerkstätten neue Türen zu öffnen. Teilhabe durch Schreiben eben.

Als Mader 2014 Nachhilfeunterricht an der Kurt-Tucholsky-Schule in Köln Neubrück gab, ahnte er noch nicht, dass es bald um viel mehr gehen würde. Etwas überrascht sei er schon gewesen, als die Schüler*innen eines Tages auf ihn zu kamen und ihn fragten, ob sie nicht mal etwas schreiben könnten, erzählt der Historiker und Übersetzer. „Aber es hat mich auch unglaublich gefreut. Also haben sie einfach drauflos geschrieben und ich habe gemerkt, dass es viele Jugendliche gibt, die sehr gerne schreiben„. Bald etablierte sich eine Gruppe, die anfing sich regelmäßig zu treffen. Es entstanden Kurzgeschichten, Gedichte, Raps. Schnell reifte die Idee, das Konzept auszuweiten, um auch außerhalb der Schule anderen Jugendlichen den Zugang zum Schreiben zu ermöglichen. Vier Jahre später ist die Idee längst Realität. Mittlerweile gibt es fünf Gruppen, die sich regelmäßig treffen, um zu schreiben und Ideen auszutauschen, aber auch um gemeinsam ins Theater, ins Kino oder auf Poetry Slams zu gehen.

Word up! Interkulturelle Schreibwerkstätten“ nannte sich das Pilotprojekt, welches bis 2017 über 80 junge Autor*innen hervorbrachte. Im Herbst letzten Jahres startete dann das neue Projekt „Wortreich – Teilhabe durch Schreiben“, in dem ältere, schreiberfahrene Teilnehmer*innen andere Jugendliche zum Schreiben begeistern und als Mentor*innen für den Nachwuchs zur Verfügung stehen.

Wie auch die Anfangsinitiative, richtet sich „Wortreich“ an Kölner Jugendliche zwischen 12 und 21 Jahren, die Lust am Schreiben haben, kreative Ideen mitbringen. Egal ob Kurzgeschichte, Radiobeitrag oder Theaterstück – „Wortreich“ unterstützt die jungen Autor*innen in ihren Vorhaben. Dabei ist es gleich, welcher Herkunft sie sind und in welcher Sprache die Texte verfasst werden. Insgesamt sind neben Deutsch schon mehr als zehn Sprachen vertreten. „Wir versuchen, zweisprachige Jugendliche zu finden, die die fremdsprachigen Texte übersetzen. Die haben oft weniger Hemmungen als professionelle Übersetzer, die machen das einfach“, meint Mader. Unterstützt wird das Projekt von drei bis vier Honorarkräften, die die Schreibwerkstätten betreuen. Auch ältere Autor*innen, die schon seit Jahren dabei sind und ihre Schulen längst verlassen haben, helfen tatkräftig mit.

Der Word up!-Schreibwettbewerb

Seit 2015 gibt es jedes Jahr einen Schreibwettbewerb, für den junge Autor*innen aus ganz Köln ihre Texte einreichen können. Dieses Jahr wurde der Wettbewerb zum ersten Mal in zwei Textkategorien (Prosa und Poetry) unterteilt, für die sich jeweils Teilnehmer*innen der Altersklassen 12 bis 14 und 15 bis 21 mit ihren Werken bewerben konnten. Eine Jury aus zehn Jugendlichen und vier Erwachsenen wählt jeweils die Sieger*innen aus, die mit je 100 Euro geehrt werden. Zudem werden die meisten Werke am Ende in einem gemeinsamen Buch publiziert. Einsendeschluss war im Oktober, die Preisverleihung wird am 11. Dezember 2018 stattfinden. Bis dahin soll auch das Buch gedruckt sein, in dem rund 30 der insgesamt 40 Texte erscheinen werden. Wichtig ist, dass der Wettbewerb nicht zu Selektion oder Konkurrenz unter den Autor*innen führen soll. Deshalb wird auch keine*r von der Chance ausgeschlossen, ihr/sein Werk in einem Buch zu veröffentlichen. „Wenn ein Text dieses Jahr noch nicht so reif war, helfen wir ihn zu überarbeiten, sodass er nächstes Jahr wieder eingereicht werden kann und dann im Buch erscheint“, erklärt Mader. Denn wichtig ist nicht die sprachliche Perfektion – weder beim Schreiben, noch beim Übersetzen – sondern die Fantasie der Jugendlichen und die Möglichkeit, sich im Schreiben auszudrücken. Überhaupt sei das Ziel des Projektes vor allem, die Interessen der Jugendlichen zu fördern und sie bei ihren Vorhaben zu unterstützen. So entstand zum Beispiel die Broschüre „Jesidinnen auf der Flucht – Berichte aus dem Nordirak“, die eine Teilnehmerin auf Eigeninitiative erstellte.

Auch Sami hatte bereits die Möglichkeit, seine Texte in einem Buch zu veröffentlichen. „Imaginations“ heißt es – Fantasien. Noch steht er ganz am Anfang seines Schreibens. Ob er dabei bleiben wird, wer weiß? Bisher hat er zumindest Spaß daran und ist stolz auf seinen ersten Erfolg. Und hier in der Schreibwerkstatt hat seine Fantasie endlich Raum sich zu entfalten.

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